Rückblick Gastvortrag: 5 Fragen an Torsten Sollitzer von ChinaWeChatting

China hat sich in den letzten Jahren im Online-Marketing und E-Commerce vom weltweiten „Copycat“ zu einer treibenden Innovationskraft entwickelt. Der Markt hat Technologie-Giganten hervorgebracht, von denen wir in Deutschland oft noch nie etwas gehört haben.

Torsten Sollitzer ist jemand, der den chinesischen Online-Markt genau im Blick hat und bestens kennt. Der Gründer von ChinaWeChatting unterstützt seit sieben Jahren deutsche und europäische Unternehmen beim Markteintritt in China.

Im Juli hielt er einen Gastvortrag an der BU, zum Thema: „#China – Digital Innovation behind the Great Firewall“. Selbst chinesische Studierende aus dem Zoom-Publikum waren über das ein oder andere Insight verblüfft.

Für alle, die den Vortrag verpasst haben, beantwortete uns Torsten Sollitzer einige Fragen im Interview.

5 Fragen an… Torsten Sollitzer

Brand University: Hallo Herr Sollitzer, Sie sind Gründer von ChinaWeChatting. Wie kam es dazu, dass Sie Ihren beruflichen Fokus auf China legten?

Torsten Sollitzer: Eigentlich komme ich aus dem Bereich der digitalen Geschäftsmodelle und befasse mich nun schon seit 20 Jahren mit Strategien und klassischer Geschäftsmodell-Entwicklung. China war von Anfang an ein großes Thema als Wirtschaftsmacht, wurde aber erst in den letzten Jahren zum wichtigen Online-Standort.

Ich hatte die Chance, drei Jahre in Shanghai zu leben und zu arbeiten. So kam die Expertise dazu und die Idee, beide Themen miteinander zu verbinden. Es war schon länger absehbar, dass China der größte und wettbewerbsintensivste E-Commerce Markt werden würde.

BU: Wie kam es dazu, dass sich China zum größten E-Commerce Markt der Welt entwickelte?

TS: In China hat der E-Commerce einen Anteil von 25%. Das ist im Vergleich zu Deutschland, mit 11%, wahnsinnig viel. Diese Entwicklung wurde durch viele Faktoren begünstigt. Zum einen hat China durch die Zensur ein eigenes digitales Ökosystem aufgebaut. Das ist ein großer Vorteil, denn so entwickeln chinesische Technologie-Unternehmen lokale Konzepte für lokale Bedürfnisse. Außerdem ist China ein großes Land mit einer Sprache, einem Rechtssystem, einer Währung – das erleichtert den Online-Handel sehr.
Man darf auch nicht vergessen, dass die Hälfte der chinesischen Bevölkerung auf dem Land lebt. Bei den Distanzen ist es einfacher die Kunden online zu erreichen als über den stationären Handel.

BU: Inwiefern unterscheiden sich der chinesische und der deutsche E-Commerce Markt?

TS: Wie bereits erwähnt, unterscheiden sich die großen Player. Ebay und Amazon spielen in China keine Rolle, dafür gibt es zum Beispiel Alibaba mit Taobao und jd.com. Diese Unternehmen sind perfekt adaptiert an den chinesischen Markt, während Technologiekonzerne aus den USA ihre Strategien für die verschiedenen globalen Märkte kaum anpassen.
Außerdem spielt das Thema Social eine große Rolle. In China kann man über die sozialen Medien, in Super-Apps wie WeChat, direkt Umsätze generieren. So wurden in 2019 allein in WeChat Mini Programmen 115 Mrd USD umgesetzt. Ein weiteres Beispiel ist E-Commerce-Livestreaming. Das funktioniert wie Teleshopping – nur live und interaktiv – und ist extrem erfolgreich.

BU: Was ist die größte Herausforderung auf dem chinesischen Markt?

TS: Wenn ein westliches Unternehmen in den chinesischen Markt einsteigen möchte, sind die kulturellen Unterschiede ein großes Thema. Beim Markteintritt muss man sich bewusst sein, dass es Zeit, Geduld und Budget braucht.
Der Wettbewerb ist viel größer als bei uns, umso wichtiger ist das Thema Branding, um das Vertrauen von Kunden zu gewinnen und langfristige Beziehungen aufzubauen.
Natürlich muss man auch kritisch auf den Markt schauen, denn Fakes sind noch immer ein großes Problem. Wer zu zögerlich bei der Markteinführung eines Produktes ist, riskiert kopiert zu werden.

BU: Was können sich westliche Marken von China abschauen?

TS: China ist sehr schnell, auch wenn es darum geht Veränderungen anzunehmen. Es wäre schön, wenn dieser Geist auch hier etwas präsenter wäre.
Auch in Bezug auf technische Innovation lohnt sich der Blick nach China. So können wir uns auf Themen wie E-Commerce-Livestreaming und Mini-Programme vorbereiten, schon bevor sie bei uns beispielsweise durch Facebook oder Apple eingeführt werden.

Wir bedanken uns herzlich bei Torsten Sollitzer für das spannende Gespräch!